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Sardinien

Die Motorrad-Reviere auf Sardinien

Jede Ecke fährt sich anders – hier steht, welche wie.

Sardinien ist kein Ziel für eilige Kilometerfresser, sondern ein Kurvenrevier für Genießer. Zwischen dem Kalkgebirge des Supramonte und der wilden Ostküste liegt mit der Orientale Sarda eine der lohnendsten Passagen im Mittelmeerraum: kaum Verkehr, sauberer Asphalt, endlose Serpentinen über Schluchten und Meer. Wer die Fähre nimmt und drei bis zehn Tage mitbringt, findet hier alles vom Küstenbogen über Hochland-Pässe bis zur einsamen Hirtenstraße durch die Barbagia.

Orientale Sarda (SS125): das Herzstück an der Ostküste

Die Staatsstraße SS125, die legendäre Orientale Sarda, ist der Grund, warum Motorradfahrer nach Sardinien kommen. Das Filetstück zieht sich von Tortolì über Baunei bis nach Dorgali durch das Bergland über dem Golfo di Orosei. Der Abschnitt oberhalb von Baunei ist ein einziges Kurvenband: enge Kehren, weite Radien, ständige Höhenwechsel, dazu Tiefblicke auf die Kalkküste. Der Belag ist über weite Strecken erneuert, der Verkehr außerhalb der Hochsaison dünn. Wer es ruhig angeht, fährt die Strecke als Genuss-Etappe; wer Grip sucht, findet einen der schönsten Kurvenrhythmen der Insel. Plane genügend Zeit ein – der reine Fahrspaß verführt zu Foto-Stopps an jedem Sattel.

Supramonte: Kalkhochland über Oliena und Orgosolo

Hinter der Küste steigt das Supramonte auf, ein schroffes Kalkmassiv rund um die Bergdörfer Oliena, Orgosolo und Dorgali. Die Straßen sind schmaler und technischer als die SS125, oft nur eine Fahrspur breit, dafür fast leer. Hier fährt man langsam, konzentriert und wird mit Blicken über karge Hochflächen, Steineichenwälder und tiefe Schluchten belohnt. Orgosolo ist über die politischen Wandbilder (Murales) bekannt und ein guter Zwischenstopp. Wer die Strecke zwischen Oliena und der Hochebene fährt, sollte auf Ziegen, Schafe und plötzliche Splitkanten gefasst sein – klassisches Hirtenland ohne Leitplanken-Komfort.

Gola su Gorropu und der Golfo di Orosei

Am Fuß des Supramonte liegt die Gola su Gorropu, eine der tiefsten Schluchten Europas – erreichbar zu Fuß, ein lohnender Ausflug vom Motorrad aus. Die Küste selbst, der Golfo di Orosei, fällt in weißen Kalkwänden ins türkise Meer ab; viele der berühmten Buchten sind nur per Boot oder Wanderung zugänglich, was die Küstenstraßen umso ruhiger hält. Für den Fahrer heißt das: kombinierbar mit der SS125 zu einer Tagesrunde aus Kurven, Schlucht-Panorama und Badepause am Cala Gonone.

Gennargentu: das höchste Gebirge der Insel

Das Gennargentu im Inselinneren ist das höchste Gebirgsmassiv Sardiniens, gekrönt von der Punta La Marmora als höchstem Gipfel. Die Passstraßen rund um die Bergdörfer Fonni und Desulo führen in Höhen, in denen im Winter Schnee liegt – im Sommer ein willkommen kühlerer Kontrast zur heißen Küste. Kurvenreich, wenig befahren, mit langen Sichtachsen über kahle Kämme: eine ideale Verbindungsetappe zwischen Ost- und Westseite der Insel, wenn man das Bergland dem schnellen Küstentransfer vorzieht.

Costa Smeralda und Gallura: Granit im Nordosten

Der Nordosten um die Costa Smeralda und die Landschaft der Gallura zeigt ein anderes Gesicht: rund geschliffene Granitfelsen, Korkeichen, Macchia. Die Straßen sind gut ausgebaut und flüssig zu fahren, allerdings in der Hochsaison rund um Olbia und Porto Cervo touristisch stark frequentiert. Reizvoll sind die Nebenstrecken ins Hinterland um Tempio Pausania und Aggius, wo bizarre Granit-Felsformationen die Kurven säumen und der Verkehr abfällt. Für Anreisende über den Fährhafen Olbia ein logischer Einstieg ins Revier.

Westküste: Bosa nach Alghero

Die Küstenstraße zwischen Bosa und Alghero gilt als schönste Uferstrecke Sardiniens. Sie klebt am steilen Westhang über dem Meer, ein enges, kurviges Band ohne größere Ortschaften dazwischen – bei Gegenlicht am Abend spektakulär, tagsüber ein sauberer Kurvenfluss mit ständigem Meerblick. Bosa mit seinen bunten Häuserzeilen am Fluss ist ein malerischer Startpunkt, Alghero am nördlichen Ende überrascht mit katalanischem Erbe: Die Altstadt spricht bis heute einen katalanischen Dialekt, die Bastionen über dem Hafen sind einen Bummel wert. Wer Zeit hat, hängt die Fahrt zum Kap Capo Caccia an.

Barbagia und Hirtenkultur im Inselinneren

Die Barbagia ist das archaische Herz Sardiniens: karges Bergland, Hirtendörfer, eine eigenständige Kultur, die sich Jahrhunderte gegen jede Fremdherrschaft behauptet hat. Motorradfahrerisch ist die Region ein Genuss für alle, die einsame Landstraßen mögen – wenig Verkehr, dafür ursprüngliche Dörfer wie Fonni, Gavoi oder Mamoiada, wo man auf Käse, Wurst und ehrliche Trattorien statt auf Küstentrubel trifft. Rechne mit Vieh auf der Fahrbahn und Tankstellen in größeren Abständen – hier lohnt es, den Sprit rechtzeitig aufzufüllen.

Nuraghen: Sardiniens steinerne Geschichte

Über die ganze Insel verteilt stehen die Nuraghen, bronzezeitliche Rundtürme aus Trockenmauerwerk, die es so nur auf Sardinien gibt. Das bedeutendste Ensemble, Su Nuraxi bei Barumini im Süden, gehört zum UNESCO-Welterbe und ist ein lohnender Abstecher zwischen zwei Fahretappen. Die Türme tauchen oft unvermittelt neben der Landstraße auf – ein guter Grund, den Blick auch mal von der Ideallinie zu heben.

Anreise

Anreise per Fähre und beste Reisezeit

Sardinien erreicht man mit dem Motorrad über die Fähre. Gängige Verbindungen laufen ab Genua, Livorno und Civitavecchia zu den Inselhäfen Olbia (Nordost), Porto Torres (Nordwest) und Cagliari (Süden). Die Hafenwahl bestimmt den Einstieg ins Revier: Olbia für Gallura und Ostküste, Porto Torres für die Westküste, Cagliari für den Süden und die Nuraghen. Buche in der Hauptsaison früh, Motorradstellplätze an Bord sind begrenzt.

Zur Reisezeit: Der Hochsommer wird auf Sardinien sehr heiß, im Inselinneren und an der geschützten Ostküste staut sich die Hitze. Angenehmer fährt es sich im späten Frühjahr und im Frühherbst, wenn die Temperaturen milder, die Straßen leerer und die Küstenorte nicht überlaufen sind. Das Gennargentu bietet selbst im Sommer kühlere Höhenluft – wer der Küstenhitze entkommen will, verlegt die Mittagsetappen ins Bergland.

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